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Laudatio en l'honneur de la
lauréate du prix "Vision for Europe 2006" Angela Merkel, Luxembourg
Mr
Chairman, gudden Owend, Mr
Chairman, cher Edmond, sehr verehrte
Frau Bundeskanzlerin, Herr
Parlamentspräsident, Herr Ehrenstaatsminister, Es mag so aussehen, als ob ich inzwischen den Rang dessen erreicht hätte,
der seine Freizeit und Teile seiner Arbeitszeit damit verbringt, deutsche
Bundeskanzler zu loben. Wieso konnte dieser Eindruck entstehen? Er entsteht
deshalb, weil es so etwas wie deutsch-luxemburgische Geschichte gibt. Die war
schwierig und ist einfach geworden und deshalb gehört es zur luxemburgischen
Staatsraison zur Bundesrepublik Deutschland freundschaftliche Entwicklungen
sich vollziehen zu lassen, und zu deutschen Regierungschefs, wie zur
deutschen Bundesregierung überhaupt, freundliche bis freundschaftliche
Beziehungen zu pflegen. Manchmal, weil man dies in Deutschland in den einzelnen politischen
Lagern weniger gut versteht, und auch das Verständnis in Luxemburg massiv
unterentwickelt ist in diesem Bereich, pflege ich zu sagen, dass es für einen
luxemburgischen Premierminister deutsche Bundeskanzler gibt, die keiner
Partei angehören. Sie gehören aber einer Partei an. Und wenn man Luxemburger
ist und wenn man, dies ist der Fall für meine Generation, im Vollgenuss
dessen groß werden konnte und groß bleiben darf, dass die Deutschen uns die
besten Nachbarn geworden sind, die sie uns je waren, gehört es zum
anständigen Umgang miteinander sich gegenseitig zu mögen, wenn man das
schafft. Und der Zufall will es, dass ich das bislang immer geschafft habe. Das
hat nicht nur mit mir zu tun, sondern auch mit denen zu tun, die ich gemocht
habe und immer noch mag. Wenn man sich zu deutschen Bundeskanzlern äußert, kann man dies aus
vornehmer Distanz heraus tun, weil sich Freundschaften manchmal langsam
entwickeln, sich an den Ereignissen die man gemeinsam erlebt, gestaltet,
durchlebt, durchreitet eigentlich emporranken. Freundschaften entstehen nicht
spontan. In dem Ereignis was uns heute Abend zusammenführt ist die
gegenteilige Mitteilung eigentlich angebracht, nicht nur eigentlich sondern
einfach massiv angebracht. Ich kenne Angela Merkel, die Preisträgerin des
Vision for Europe-Preises, seit vielen Jahren und ich hab sie spontan
gemocht. Und das hat weniger mit gemeinsamem Engagement in derselben
parteipolitischen Familie in Europa zu tun als mit ihrer Person selbst. Nun ist die Annäherungsweise an einen deutschen Bundeskanzler oder an
eine deutsche Bundeskanzlerin für einen Luxemburger, wenn man dies vom
historischen, empirischen Ablauf her betrachtet, immer etwas schwierig, weil
die Deutschen sich mit ihrer Biographie schwer tun und weil wir uns auch sehr
oft schwer taten, manchmal auch noch tun, mit ihrer Biographie. Zu dem
deutschen Wesen, zu der Art und Weise wie Deutsche sich ihren Nachbarn outen,
wie man im Neudeutschen sagt, gehört wesentlich, dass die Deutschen, die wir
nach Kriegsende kennengelernt haben, allesamt eine gebrochenen Biographie
hatten. Es gab keine sich kontinuierlich entwickelnde deutsche Biographie. Es
gab immer, bei denen die wir, manchmal etwas arrogant, die anständigen
Deutschen nannten, gebrochene Biographien, weil die Nazizeit, die Zeit
zwischen 1933 und 1945 deutsche Biographien die auf Kontinuität ausgerichtet
waren, durcheinander gewirbelt haben, sie eben gebrochen haben, sie zum explodieren
gebracht haben. Wir haben dies mit unserer Art und Weise uns mit Deutschland
auseinanderzusetzen, umso einfacher in unsere Art Deutschland zu betrachten
integrieren können, weil auch die Deutschen selbst sich zu diesem
Gebrochensein der individuellen und kollektiven Biographie bekannten. Für viele überraschend gibt es seit 1989 noch einmal eine gefaltete
deutsche individuelle Biographie, dadurch dass Deutsche aus Ost und Deutsche
aus West zu einer gemeinsamen Nation zusammenwuchsen, weil plötzlich, fast
wider Erwarten, ebenfalls zum Erstaunen vieler, zusammenwuchs was zusammen
gehört. Weil plötzlich deutsche Geographie und deutsche Geschichte wieder
zueinander fanden. Die Biographie der Menschen, die aus dem Osten
Deutschlands kommen und die jetzt in Gesamtdeutschland angelangt sind, diese
Biographien sind nicht gebrochen in dem Sinne wie die Biographien der 30er,
40er und 50er Jahre gebrochen waren. Diese Biographien haben sich selbst 1989
umorientiert und deshalb sind diese zweimal gefaltete ost-westdeutsche
Biographien auch mit dem Signum des Stolzes des durch eigene Anstrengung
Erreichten ausgezeichnet. Angela Merkel, die Bundeskanzlerin unseres größten Nachbarlandes, kommt
aus dem Osten Deutschlands. Wer ist diese Frau? Man hat ja enorme Schwierigkeiten
sich selbst zu verstehen, deshalb ist es etwas anmaßend den Versuch zu
starten, andere inspizieren zu wollen. Ich hätte jedenfalls nicht gerne wenn
man dies mit mir täte. Aber man tut es immer wieder und ich weiß aus eigener
Erfahrung, dass die Befunde im Regelfall, völlig daneben liegen. Wer in der Biographie von Angela Merkel, der jungen Angela Merkel
blättert, wird feststellen, dass sie in Hamburg geboren wurde und im
Kindesalter in die damalige sowjetische Besatzungszone mit ihrem Vater, der Pfarrer
war - protestantischer Pfarrer muss ich in einem vornehmlich katholischen
Lande hinzufügen - übersiedelte. Über ihre Kindheit ist wenig bekannt und sie
gehört auch nicht zu den Menschen, die alles über sich erzählen möchten, aber
ich glaube irgendwo gelesen zu haben, dass sie ihre Kindheit als glücklich
bis relativ glücklich - das relativ ist von mir - empfunden hat, weil es ein
Elternhaus war das normal funktionierte. Sie hat als junger Mensch natürlich Anteil genommen an dem was in der
Welt um sie herum passierte. In der damaligen DDR, aber auch in dem was wir
damals, in grenzenloser Verkennung geographischer Elementarien, Osteuropa
nannten. Es handelte sich eigentlich um Mitteleuropa. Der Einmarsch der
sowjetischen Truppen, im übrigen auch der DDR-Soldaten, in Prag hat sie sehr
beeindruckt und sie hat, ohne auf Krawall gebürstet zu sein, auch in dem
Umfeld das damals ihres war, sich kritisch zu diesen Vorgängen geäußert. Sich
kritisch zu Vorgängen äußern die den eigenen Raum, den eigenen abgeschotteten
Raum betreffen, mag uns als sehr normal, selbstverständlich, gratis wie wir
auf Luxemburgisch sagen, vorkommen. In der damaligen DDR war das nicht so
ohne denkbare Folgen. Sie hat Physik studiert in Leipzig, wenn meine Erinnerung mich nicht im
Stich lässt. Und Physik hat sie studiert, nicht weil sie Physik studieren
wollte, sondern weil sie dies als Herausforderung empfand, sie die eigentlich
als Lieblingsfächer Englisch und Russisch hatte. Dass sie sehr gut Englisch
redet, habe ich inzwischen sehr oft feststellen können, beim Russischen frage
ich dann jemand aus der näheren Umgebung mir da zur Seite zu stehen. Physik,
weil dies eine besondere Herausforderung war. Dieser Drang besondere
Herausforderungen anzunehmen ist eigentlich etwas, was sich jedenfalls durch
den bekannten Teil ihres Lebens quasi wie ein roter oder wie ein schwarzer
Faden zieht. Aber nicht alle Herausforderungen annehmen, sondern auch manchmal
Herausforderungen zwischen Gänsefüsschen abwimmeln, denen die kalte Schulter
zeigen. Als sie mit ihrem Physikstudium begann, wurde sie von der Stasi
angesprochen, scheinbar passierte das oft. Und vielleicht ist es
symptomatisch für die Klugheit, auch die Lebensklugheit dieser damals - jetzt
auch noch - jungen Frau, dass sie den Stasimenschen sagte, ich kann nicht mit
ihnen zusammenarbeiten, weil ich kann das Maul nicht halten. Das ist zu
gefährlich für die Stasi mit mir in Kontakt und in weiterzuführendem Kontakt
zur treten. Ich hab sehr gemocht, dass sie gesagt hat, zwei Ereignisse hätten ihr Kindesalter
und ihr Jugendalter sehr bestimmt, eher doch wohl Kindesalter. Das wäre der
Bau der Berliner Mauer gewesen, weil ihre Mutter über Tisch geweint hätte,
während wir nur aufgeregt waren und besorgt waren. Die Menschen im Osten
Deutschlands haben geweint, weil sie wussten was Mauern bedeuten, was
Absperrungen zur Folge haben, wie viel Trennung Mauern beinhalten. Wir haben
Mauern als Hindernis erlebt. Die Menschen im Osten Deutschlands haben sie als
Aussperrung, als Nichtzugang zu anderem Denken und anderem Fühlen empfunden. Und ich hab sehr gemocht, beim Nachlesen dessen was sie über sich selbst,
und das tut sie selten, zu Protokoll gebracht hat, als sie gesagt hat, sie
wäre in den Tagen der Wende, nach dem Mauerfall, nach dem 9. November 1989,
so begeistert gewesen, dass sie nie müde geworden wäre, so spannend wäre es
gewesen. Ich habe, wie ich manchmal hier und bei anderen Gelegenheiten
anfügen muss, den Tag in schwammiger Erinnerung, weil ich an dem Tag aus
einem Koma nach einem Autounfall erwacht bin. Ich hab also im Gegensatz zu
Frau Merkel die deutsche Wiedervereinigung regelrecht verpennt. Aber die
Luxemburger wissen, dass ich bei großen Ereignissen nicht immer in Topform
bin. Ich frage mich manchmal, was die wissenschaftliche Ausrichtung ihrer Ausbildung
an politischen Konsequenzen gezeitigt hat. Sie hat promoviert zu einem Thema
das ich mir aufgeschrieben habe - ich bin Jurist, ich muss dies hier zur
Erklärung anführen. Ihr Thema war: "Die Berechnung von
Geschwindigkeitskonstanzen von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher
Kohlenwasserstoffe". Für die Nichteingeweihten erkläre ich das. Ich hab
sehr oft bemerkt, in früheren Jahren und auch jetzt, dass diese doch sehr
konzentrierte Hinwendung zu dem was wissenschaftlich ist, zu dem was genau
ist, die Art und Weise wie sie Politik gestaltet, Politik begreift, Politik
zu verstehen versucht, sie wesentlich beeinflusst hat. Sie ist eine Frau die
schnell versteht, die aber immer nachfragt, die es gerne genau wissen möchte.
Nicht wie wir Juristen, die wir auch denken, wir wären die reinen Vertreter
der exakten Wissenschaft, es trotzdem aber auf annäherndem, auf
approximativem sehr oft belassen. Sie möchte es genau wissen, weil sie auch,
so sehe ich das, von dem Drang erfüllt ist den Menschen dann auch genau zu
vermitteln was Sache war, was entschieden wurde und wie Dinge zu richten
wären. Diese Frau, die aus Ostdeutschland kam und die jetzt nicht nur in
Westdeutschland angelangt ist, sondern in Deutschland angelangt ist, hat,
wenn ich dies so beschreiben darf, nicht unbedingt einen einfachen Weg in der
Politik und in der innerdeutschen Befindlichkeit gehabt, weil so normal wie
uns das heute erscheint war das nicht, dass eine aus Ostdeutschland stammende
Frau, Vorsitzende einer deutschen großen Volkspartei wird und zur ersten Frau
im Amte des Bundeskanzlers, ergo der ersten deutschen Bundeskanzlerin wird.
Dies war kein einfacher Weg, weil sie hat sich – sie, die es sofort nach der
deutschen Wiedervereinigung, nachdem sie stellvertretende Regierungssprecherin
der letzten DDR-Regierung gewesen war, zu deutschen Ministerehren gebracht
hat - zuerst einmal abnabeln müssen. Und zwar von Helmut Kohl. Und jemand wie
ich, der ja, sofern es Liebe zwischen älteren und jüngern Männern gibt, mich
in einem totalen Liebesverhältnis zu Helmut Kohl befinde, weiß dies richtig
einzuordnen. Es gab einen berühmten Aufsatz von ihr in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung, der ein Abnabelungsaufsatz war und der auch so in
Erinnerung geblieben ist. Und weil man nie mehr nachliest ob das was in der
Erinnerung haften geblieben ist, auch wirklich so war, muss ich hier
hinzufügen, dass in diesem, von mir als Abnablungsaufsatz qualifizierten
Schreiben, auch der Satz stand, dass man später, nach einigen Jahren, die
Lebensleistung von Helmut Kohl richtig einordnen würde. Und zu dieser
richtigen Einordnung dieser Lebensleistung hat sie, nicht nur sie, aber sie,
in besonderem Masse wesentlich beigetragen. Jetzt ist Angela Merkel, die in Hamburg geborene, in der DDR
aufgewachsene Pfarrerstochter und Physikerin auch in Europa angekommen. Sie
ist aber nicht in Europa angekommen, wie viele in Europa angekommen sind,
nämlich einfach so. Die meisten landen in Europa, wenn sie Premierminister
werden oder Aussenminister werden - einfach so, unbeleckt von Gut und Böse,
und diese europäische Welt entdeckend. Und sie dann erklären und denen
erklären, die sie schon vor ihnen etwas mehr im Detail kannten. Ich habe bei einer jüngst vorgetragenen Laudatio, einer launigen,
differenzierteren, erwähnt, dass manche Bundeskanzler ins Amt kommen, ohne
vorher direkte Berührungserfahrungen mit europäischen Dingen gehabt zu haben,
und dass sie dann mehr oder weniger schnell hinzulernen, die Dinge begreifen,
die Temperatur dieses Kontinentes spüren, sich an der Wärme des Kontinentes
manchmal verbrennen und über die Kälte desselben manchmal staunen. Angela
Merkel ist in Europa gelandet mit dem Wissen derer, die die Dinge wissen
muss, die man wissen muss wenn man Bundeskanzler wird oder die man wissen
sollte wenn man Bundeskanzler wird. Ich habe sie in langen Jahren beobachtet, ihr auch zugehört, sie mir
manchmal auch, in den Reihen der europäischen Volkspartei, wo Regierungschefs
und Oppositionsführer die sich regelmässig treffen um über europäische Dinge
reden. Nichts was europäisch war, kein einziges europäisches Problem, weder
innereuropäisches Problem noch aussereuropäisches Problem, sofern es Europa
betraf, war ihr unbekannt. Ich hab einigermaßen gestaunt - obwohl ich mir immer einbildete sie
eigentlich gut zu kennen, weil wir soviel miteinander geredet haben,
telefoniert haben, uns immer wieder getroffen haben - über die Art und Weise
- ich sag das nicht gerne so, weil dies hieße ja einen Plan vorauszusetzen –
wie sie ihren ersten Auftritt im europäischen Rat gestaltet hat. Ja, da war
viel Gestaltung dabei, im architektonischen Sinne des Wortes. Aber das war
kein plumper Plan. Aber dass die deutsche Bundeskanzlerin sich um den
Endkompromiss bemüht - ich rede über die Sitzung des europäischen Rates vom
Dezember 2005, wo wir uns mit finanzieller Vorausschau zu beschäftigen
hatten, das wäre der Genuss, den Herr Blair mir nicht gegönnt hat im Juni
vorher - dass sie es verstand die Dinge auf den Punkt zu bringen und es
verstand, was für deutsche Bundeskanzler so üblich nicht ist, jedenfalls
nicht wenn sie zum ersten Mal in dem Kreise ihre Wirkung entfalten, mit allen
und jeden im kleinsten Kreis, manchmal im intimsten Kreis, über die Probleme
zu reden, die das jeweilig anzusprechende Land eigentlich mit der in
Vorschlag gebrachte Lösung hatte. Das hat mich doch schon sehr beeindruckt.
Diese Merkel-Methode, auf jeden zuzugehen, jeden gleichwertig und gleichmäßig
ernst zu nehmen, sich auch zu investieren um Positionen kleinerer und sehr
kleiner Mitgliedstaaten, um in der Summe zu verstehen, was eigentlich
individuelle und kollektive Sache ist. Dies setzt eine Bereitschaft zum
europäischen Kompromiss, der immer auch eine Lösung sein muss, nicht nur
Kompromiss, sondern auch Lösung, voraus, die bei Regierungschefs größerer
Mitgliedsstaaten eigentlich in der Form nicht anzutreffen waren in der
Vergangenheit. Dass sie dies mit Einfühlvermögen tut, dass sie dies mit Augenzwinkern
tut, dass sie dies mit Brückenschlägen zwischen Groß und Klein tut, tut
Kleineren sehr gut, weil nicht immer werden Brückenschläge zu den Kleineren
versucht wenn Große handeln. Und deshalb, liebe Angela, bist du ja, ich darf
dies so formulieren, auch für Luxemburg ein Glücksfall, weil du bist groß und
wir sind klein, und ich mag die Brücke die immer wieder zu schlagen versucht
wird. Nun ist dies ein Preis für europäische Visionen, Vision for Europe. Ich
staune deshalb auch, dass ich Preisträger hier wurde, weil Visionen gehören
einer politischen Kategorie an, die zu beschreiben nicht leicht fällt. Was
sind die politischen Visionen, die europapolitischen, die europolitischen
Visionen von Angela Merkel? Vieles was einem normal erscheint, wenn man
Luxemburger ist, gehört zum Visionskreis des Gedankengutes von Angela Merkel.
Beispielsweise dass Europa ökonomisch stärker werden muss, um den Wettbewerb
mit den Vereinigten Staaten von Amerika auszuhalten, zu denen sie Europa
nicht im massiven Wettbewerb stehend sieht, sondern in einem edlen Wettbewerb
der Ideen, der Produkte, der menschlichen Leistungen. Zu ihren Visionen, Ideen, Ansichten über Europa gehört auch, dass sie ein
diffuses Europa der Unverbindlichkeit eigentlich nicht mag. Das hat mit ihrer
wissenschaftlichen Ausbildung zu tun, aber auch mit ihrem Drang, die Dinge
auf den Punkt zu bringen. Wenn entschieden wird, muss man wissen wieso so
entschieden wird, weshalb so entschieden wird und in welche Richtung in der
Weiterentwicklung diese Entscheidungen sich werden bewegen können. In diesem Aufsatz oder Interview hat sie zum Ausdruck gebracht, wie sie
sich das Europa des Jahres 2020 vorstellt. Ihre Vorstellung ist, dass die
meisten Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, deren Mitgliederzahl sie
nicht festlegt, des Jahres 2020, dass die meisten Mitglieder der Europäischen
Union den Euro ihre gemeinsame Währung nennen würden. Das sehe ich auch so.
Ich mag ja Visionen, die mit meinen so übereinstimmen. Aber nicht alle, wer
sagt fast alle sagt ja nicht alle, das heißt, dass sehr wohl in ihrem Denken
die Notwendigkeit besteht, dass die Zulassungskriterien zur Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion von den neuen Mitgliedstaaten so zu erfüllen
sind, wie dies für die sich jetzt im Euroraum befindlichen Mitgliedsstaaten
der Fall war. Im Übrigen, in Sachen Euro gehört sie nicht zu den
Spätberufenen. Sie war immer der Meinung, dass die europäische Wirtschafts-
und Währungsunion versinnbildlicht, aber nicht nur, dass die einheitliche
Währung der richtige Weg der Europäischen Union in eine sich massiv
komplizierende internationale Zukunft wäre. Ihr Wunsch wäre es - der wird in Erfüllung gehen - dass der Euro bis zum
Jahre 2020 dieselbe Wirkung entfalten wird wie dies der US-Dollar tut. Meine
Wette wäre, der Euro wird dies schon wesentlich früher tun und das tut mir
besonders gut für die, die immer dachten, wir würden diesen Euro nie auf die
Beine kriegen. Ihre Vorstellung ist, dass alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union
im Schengener Raum zusammengefasst wären, sich dort wieder finden würden,
weil sie denkt, dass Freiheit, dass Gerechtigkeit europäische Werte wären,
auf die die Bürger der Europäischen Union einen strikten Anspruch hätten. Sie wünscht sich, dass die Europäische Union es zur integralen
Verteidigungsfähigkeit gebracht hätte bis zum Jahre 2020 - nie als
Gegenentwurf zur NATO, als Konkurrenzunternehmen zu den Vereinigten Staaten
von Amerika, sondern als ein eigenständiger Teil, auch in den sich
komplizierter entwickelnden Felder gemeinsamer Aussen- und
Verteidigungspolitik, als ein komplementärer Teil zu dem was die Vereinigten
Staaten von Europa ausmacht, aber als ein eigenständiger Teil. Nie gegen die
USA - aber auch ohne die USA handeln können, wenn sich dies im europäischen
Proximitätsnotwendigkeitsraum ansiedeln würde. Sie wünscht sich, dass die Entwicklung der gemeinsamen Aussen- und Sicherheitspolitik
dazu führen möge, dass die europäische Union mit einer Stimme im
Weltsicherheitsrat vertreten wäre und legt weniger Eifer an den Tag als
Deutschland selbst, als Deutschland alleine, ein ständiges Mitglied des
Weltsicherheitsrates zu sein. Und sie wünscht sich letztendlich in der Schnittmenge zwischen dem was
deutsch ist und dem was europäisch ist, wir machen da hier in Luxemburg
keinen Unterschied, dass Deutschland ein Land würde - ich sage: Deutschland
ist das schon - das von seinen Nachbarn gemocht würde und das seinen Nachbarn
ein guter Nachbar wäre. Wenn diese Zukunftsperspektive dessen was europäisch zu sein hat und sein
muss, diejenige von Angela Merkel ist, und dies ist von ihr so dokumentiert
und protokolliert worden - nicht nach ihrem Einzug ins Kanzleramt, sondern
schon als Oppositionsführerin im deutschen Bundestag - dann fühlen wir
Luxemburger uns mit der Gedankenwelt dieser Bundeskanzlerin sehr in Harmonie.
Und weil wir nur denjenigen hier in Luxemburg Preise überreichen, die so
denken wie wir, bin ich froh, liebe Angela, dass Du diesen Preis heute in
Empfang nehmen kannst. Dies ist ein Preis, der sich Vision for Europe nennt.
Es ist eigentlich ein Preis, ja, fast für Anfänger, für diejenigen die sich
an die europäischen Dinge herantasten. Du hast die europäischen Dinge begriffen und wir sind froh, dass wir sie
gemeinsam mit Dir immer wieder greifen können. Ich beglückwünsche Dich zu
diesem Preis, der Dich ehrt, der uns aber auch ehrt, weil wir wissen genau
wen wir mit diesem Preis auszeichnen. Vielen Dank.
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