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Rede von Bundeskanzlerin Dr.
Angela Merkel anlässlich der Verleihung
des „Visions for Europe -
Award“ am 14. November 2006
in Luxemburg Lieber Herr Israel, lieber Herr Tessler, lieber Jean-Claude Juncker, sehr geehrter Herr
Parlamentspräsident, Herr Ehrenstaatsminister,
lieber Jacques Santer, meine Damen und Herren, ich bedanke mich ganz
ausdrücklich dafür, dass ich heute den Preis „Visions for Europe“, einen
Preis der Edmond-Israel-Stiftung, hier in Luxemburg erhalten habe. Lieber
Jean-Claude, ich bedanke mich natürlich ganz herzlich für die Laudatio, die
du gehalten hast. Ich bin fast versucht, das alles zu kommentieren. Aber ich
will es auf zwei Bemerkungen reduzieren. Du bist nicht der Einzige, der
die entscheidende Nacht vom 9. November 1989, als die Mauer geöffnet wurde,
verschlafen hat. Bei einer Podiumsdiskussion zum 10. Jahrestag der
Maueröffnung hörte ich Michail Gorbatschow auf die Frage „Was haben Sie in
dieser Nacht gemacht“ antworten: „Ja prosnulsja“ - „Ich habe durchgeschlafen.“
Es war wahrscheinlich auch für alle das Beste. Denn die Mauer war auf und die
Sowjetunion hat nichts unternommen. - Also, du bist an der Stelle in guter
Gesellschaft. Als du eben den Titel meiner
Doktorarbeit vorgelesen hast, ist mir etwas eingefallen. Diese Arbeit, die
ich zu machen hatte, war eine Arbeit in der theoretischen Physik oder
Quantenchemie, also auf dem Übergang von Physik zu Chemie. Der Physiker befasst
sich mit Atomen, der Chemiker mit Molekülen. Da ich Physik studiert hatte, konnte
ich mich nur mit einfachen Molekülen befassen. Wie kam es zu dieser
Aufgabenstellung? Es kam im Grunde zu dieser Aufgabenstellung, weil sich das
damalige COMECON-System, wie man wohl im Westen sagte, also der RGW, wie wir
sagten, nicht ganz sicher über Polen war und die Sowjetunion - auch durch die
Entwicklung, die dann später durch Solidarnosc kam - nicht wusste, ob die
durchlaufenden Erdölleitungen eine sichere Lieferquelle waren. Daher haben
sich die Leute in der DDR überlegt: Was könnten wir alternativ zu Erdöl
machen, um Chemie betreiben zu können? Da ist man auf Methan, also im Grunde
auf Erdgas, gekommen, weil man noch ein paar Quellen kleinerer Art in der Umgebung
hatte. Wir wurden mit der Aufgabe betraut, herauszufinden, wie man beim sehr
stabilen Methan - das sieht aus wie ein Milchtetraeder - den Kohlenstoff vom
Wasserstoff trennt, um langkettige Kohlenstoffverbindungen gewinnen zu können,
die man als chemische Stoffe kennt und vergleichbar mit Erdöl sind. Das hat man
praktisch versucht und hat es auch theoretisch errechnen lassen. So hatte ich
damals unter völlig anderen Gegebenheiten im Spannungsverhältnis zwischen Russland
und Polen eine interessante naturwissenschaftliche Aufgabe. Aber das waren jetzt meine
beiden einzigen Kommentare zu der Laudatio, für die ich mich sehr bedanke. Ich
möchte mich vor allen Dingen auch deshalb bedanken, weil diese Ehrung für
mich aus mindestens zwei Gründen eine ganz große Freude ist. Erstens sind für mich das
Lebenswerk und die Lebenseinstellung des großen Bankiers Edmond Israel sehr
beeindruckend. Er erfuhr das nationalsozialistische Unrecht am eigenen Leibe,
war gezwungen, die eigene Heimat zu verlassen, und schrieb dann eine
Autobiographie mit dem Titel „Verliebt in das Leben“. Das zeigt etwas von
dem, was ich Optimismus und wahren Mut nenne. Es ist aus meiner Sicht die
Grundlage dafür, dass wir Visionen für Europa entfalten können. Wer diese
Kraft nicht hat, einfach das Leben zu lieben, daran zu glauben, dass andere
das auch tun, Toleranz gegenüber anderen aufzubringen, wird auch keine
Visionen entfalten können. Jean-Claude Juncker hat gesagt: „Wir freuen uns
immer, wenn wir alle gleich denken.“ Wir tun das ja doch nie, sondern wir
bilden uns inzwischen in Europa schon ein, dass wir alle gleich denken,
obwohl wir ganz unterschiedlich denken. Es ist eigentlich unsere größte
europäische Fähigkeit, so viel Toleranz aufzubringen, dass wir das
hinbekommen. Deshalb sage ich, dass die
Verleihung dieses Preises für mich bei der Arbeit, die ich tun darf, eine
Verpflichtung sein wird, diesen Optimismus nicht zu verlieren, sondern ihn
immer wieder aufzubringen, auch wenn ich nicht verhehlen will, dass manches nicht
so schnell geht, wie man es sich vorstellt. Das Zweite: Wenn man sich
ansieht, wer diesen Preis schon bekommen hat - Jean-Claude Juncker, Helmut
Kohl, Guy Verhofstadt und andere -, dann weiß man, dass es ein Zeichen ist,
dass Luxemburg mit diesem Preis deutlich macht: Wir leben in Europa, wir sind
Europa. Jean-Claude Juncker verkörpert
vielleicht mehr als jeder andere dieses Europa. Aber es ist auch so gewesen,
dass das luxemburgische Volk vor zwei Jahrzehnten mit dem internationalen Karlspreis
in Aachen ausgezeichnet wurde. Das heißt also nicht nur, dass wir einerseits
eine Persönlichkeit haben, die diesen Preis erhalten hat, sondern vor
Jahrzehnten hat auch dieses Volk diesen Preis bekommen. Das zeigt vielleicht
symbolisch diesen großen Beitrag, den das aus deutscher Perspektive vergleichsweise
kleine - ich hoffe, Sie verzeihen mir das - Luxemburg geleistet hat. Aber
Geschichte wird durch Beiträge geschrieben; und dieser Beitrag Luxemburgs ist
groß. Deshalb ist uns die Freundschaft zu Luxemburg auch so wichtig. Wenn wir jetzt nach Visionen
für Europa im 21. Jahrhundert fragen, dann gibt es vieles zu tun, was als
Vision begonnen hat und was im Augenblick ein Stück feststeckt. Deutschland
bereitet sich auf die Ratspräsidentschaft vor. Dabei ist ein Thema, das wir
miteinander zu beraten haben, natürlich der Verfassungsvertrag. Es gibt Menschen, die sagen: Es
war vielleicht ein Fehler, dass wir dieses Konstrukt „Verfassungsvertrag“
genannt haben. Ich will hier ganz ausdrücklich sagen: Ich finde, es war kein Fehler. Es war
mutig, aber es war richtig. Denn wichtige Verträge haben wir viele in Europa.
Wir haben sie immer weiter entwickelt. Aber dieses Europa wird nur gelingen,
wenn es sich wieder darauf besinnt, woraus es entstanden ist. Das war ein
gemeinsames Verständnis von Werten, Freiheit, Demokratie und der Würde jedes
einzelnen Menschen. Auf dieser Grundlage hat sich Europa nach den Schrecknissen
des Zweiten Weltkriegs nur entwickeln können, weil Menschen in der Lage
waren, über fast Unüberbrückbares Brücken zu bauen, indem sie die gleichen Werte
geteilt haben. Deshalb wäre es aus meiner
Sicht in einer Zeit, in der die Globalisierung für uns alle so sichtbar ist,
ein Riesenfehler, wenn wir nicht den Mut hätten, uns als Europäer zu diesem
gemeinsamen Wertefundament zu bekennen. Der erste Teil des Wortes „Verfassungsvertrag“
symbolisiert genau dieses Bekenntnis, nämlich: Es ist mehr als nur eine
Vielzahl von Regelungen, es ist ein gemeinsames Werteverständnis, das wir auch
gemeinsam nach außen tragen können. Ich weiß, dass man hier noch
viele überzeugen muss und sollte. Wir werden uns am 25. März des nächsten
Jahres darum bemühen, wenn wir in Berlin „50 Jahre Römische Verträge“ feiern
können, eine Erklärung zu schreiben, die deutlich macht, wo wir herkommen und
was wir sein wollen. Für mich ist das Thema „Wir brauchen einen solchen
Verfassungsvertrag“ ganz wichtig, weil es eben mehr als nur bindende Rechtsetzung
ist. Es ist auch ein Bekenntnis zur Grundrechtecharta, die richtigerweise
entwickelt wurde. Meine Damen und Herren, damit
die Menschen bereit sind - wir haben ja Referenden in Europa erlebt, die
nicht positiv ausgegangen sind -, sich wieder ein Stück auf dieses gemeinsame
Wertefundament zurückzubesinnen, muss Europa für jeden Einzelnen im
praktischen Leben einen spürbaren Mehrwert haben. Das, was uns zurzeit begegnet -
ich glaube, das geht allen Mitgliedstaaten ähnlich, natürlich mit
unterschiedlicher Ausprägung -, ist die große Frage an die Politik: Hat die
Politik eigentlich noch Gestaltungskraft? Oder geschehen die Dinge und
Politik kann nicht mehr, als Pflaster auf Wunden zu kleben? Diese Fragen muss
die Politik ernst nehmen. Wir in Deutschland haben über
Jahrzehnte durch die feste Verankerung der Sozialen Marktwirtschaft, durch
den Glauben der Menschen an die Soziale Marktwirtschaft, ein großes Maß an
politischer Stabilität gewonnen. Es gab Dinge, die sozusagen eiserner Bestand
waren: Wenn es meinem Betrieb gut geht, dann geht es auch mir als
Arbeitnehmer gut. Dies ist für den deutschen Arbeitnehmer heute nicht mehr gesagt.
Es kann meinem Betrieb sehr gut gehen und trotzdem bin ich von Entlassung bedroht.
Das heißt, das Modell des europäischen wirtschaftlichen Erfolgs und der sozialen
Sicherheit, das wir in Deutschland in Form der Sozialen Marktwirtschaft mit einer
unglaublichen Bindekraft erlebt haben, funktioniert so einfach nicht mehr. Da
stellen sich Fragen. Insbesondere existiert die Sorge, ob die Politik die
notwendigen Bedingungen schaffen kann. Deshalb glaube ich, dass von
der Frage, inwieweit es Europa gelingt, ein Stück Sicherheit und Vertrauen in
das europäische Modell des Wirtschaftens und des Lebens zu geben, ein großer
Teil des europäischen Selbstverständnisses und auch der Begeisterung für
Europa abhängen wird. Wenn man das nüchtern betrachtet,
dann kommt man natürlich schnell zu einem Projekt, das nicht sehr emotional
klingt, nämlich zum Binnenmarkt. Jacques Delors hat einmal völlig richtig
gesagt: „Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt.“ Das scheint so zu sein.
Ich habe jedenfalls auch noch keinen getroffen. Aber wenn der Binnenmarkt,
den wir in Europa ja mühevoll geschaffen haben - Jean-Claude Juncker war
dabei -, nicht funktioniert, dann ist dieses Europa in Gefahr. Wir wissen, mit
27 Mitgliedstaaten ab 1. Januar ist Europa mit fast 500 Millionen Einwohnern
ein riesiger gemeinsamer Markt - auch wenn man sich das in globalen
Kategorien anschaut. Jetzt liegt es an uns in
Europa, ob wir daraus ein Erfolgsmodell im Blick auf die Menschen in Europa
und auf andere Regionen der Welt machen, also ob die Menschen sagen: Ja, die
Wertegrundlagen, die zu dieser Art des Wirtschaftens geführt haben, sind auch
für uns attraktiv. Wenn wir es als Europäer nicht schaffen, z. B. den Schutz
des geistigen Eigentums als etwas in der Welt zu verankern, was für jeden
attraktiv ist, dann werden wir große Mühe haben, mit unserer Kreativität, mit
unserem Wissen und unserer Innovationskraft gegen andere antreten zu können
und einen fairen Wettbewerb zu führen. Das heißt - deshalb gehören der Verfassungsvertrag
und der Binnenmarkt, aber auch viele andere Regelungen für mich ganz eng
zusammen -, wir müssen anderen auch durch die Art, wie wir Menschen
Sicherheit und Wohlstand geben, deutlich machen, dass dies eine erstrebenswerte
Art des Lebens ist. Heute sind wir nach dem Ende des Kalten Krieges, mit sehr
viel mehr Freiheit, neben vielen Ländern in der Welt, die heute auch
Wohlstand wollen, in einer Situation, in der nicht so klar ist, ob wir uns
wünschen, dass unser System das überlegene System ist. Deshalb müssen wir uns
in Europa klar darüber sein, was wir mit diesem Binnenmarkt wollen. Der
Binnenmarkt ist kein Selbstzweck. Im Grunde geht es hier auch nicht um eine
Vision, sondern um ein Problem. Damit werden wir uns auseinandersetzen
müssen. Die Art des Wirtschaftens - von
der Freiheit der Telekommunikationsmärkte über die Freiheit der
Verkehrsmärkte und der Energiemärkte - ist sozusagen vergemeinschaftet. Sie
wird von der Kommission beobachtet und entschieden. Aber die sozialen
Maßnahmen sind weiter in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Die sozialen
Maßnahmen werden sozusagen zum Wettbewerbsfaktor. Wir werden noch einmal
grundsätzlich darüber diskutieren müssen, ob das auf Dauer richtig ist. Wir müssen
auch aufpassen, dass zum Schluss der Europäische Gerichtshof die Schnittstelle
zwischen Binnenmarkt und Sozialpolitik nicht immer wieder selbsttätig definiert.
Das hat auch etwas mit dem Gestaltungsanspruch von Europa zu tun.. Aber das
können wir heute Abend hier nicht klären. Das ist eine der großen Fragen, die
der Binnenmarkt noch aufwirft. Aber dass wir durch Offenheit und mehr
Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten ökonomische Effizienz freisetzen
können, dass wir unseren Wohlstand besser organisieren können, davon bin ich
zutiefst überzeugt. Der Binnenmarkt bedeutet aber
auch: Wir haben viele Kompetenzen an die europäische Ebene abgegeben. Deshalb
muss man schauen: Wie ist denn dieses Europa organisiert? Ein Teil unserer
Präsidentschaft wird sich mit der Frage beschäftigen: Darf man nach 50 Jahren
in Europa auch eine Richtlinie wieder abschaffen? Oder ist der „acquis
communitaire“ schon unter Denkmalschutz gestellt und darf nie wieder
verändert werden? Für alle, die der Europäischen
Union neu beitreten, ist es eine ziemlich seltsame Geschichte, wenn man von
der letzten Umweltverträglichkeitsprüfung bis zur Vogelschutzrichtlinie
unmittelbar alles übernehmen muss, wovon man früher gar nichts gewusst hat. Deshalb
unterstütze ich alle Bestrebungen, Bürokratieabbau zu betreiben und alles
wieder auf den Prüfstand zu stellen. Wenn sich die gesamte Welt verändert,
dann dürfen wir nicht immer mehr Richtlinien aufhäufen. Das hat nichts mit Sicherheit
zu tun, sondern das hat etwas damit zu tun, ob wir in Europa frei atmen können.
Ein zweiter Punkt in unserer
Präsidentschaft ist die Frage: Wie ist denn das eigentlich mit dem Parlament
und der Kommission? Wie verhalten sich die Dinge zueinander und was müssen
wir uns da überlegen? Ich habe im Zusammenhang mit der Dienstleistungsrichtlinie
begeisterte Europa-Abgeordnete gesehen. Sie haben gesagt: „Mensch, jetzt sind
zum ersten Mal Leute aus allen Mitgliedstaaten gekommen und haben vor unserem
Parlament demonstriert.“ Dazu habe ich gesagt: „Wir sind froh, wenn vor dem
Bundestag keine stehen.“ Darauf haben die Europäer geantwortet: „Früher waren
wir so unwichtig, so dass sich keiner um uns gekümmert hat. Heute kommen sie
zu uns, um zu demonstrieren. Daran sehen Sie, dass in Europa Wichtiges
entschieden wird, was mit dem Leben der Menschen zu tun hat.“ Ich habe eine private Vision,
von der ich hoffe, dass sich ihr viele anschließen. Wenn die Kommission
Richtlinien beschließt und das Parlament tatsächlich die Funktion eines
Parlaments übernimmt, wie wir es aus den nationalen Parlamenten kennen, dann
müsste man doch das Leben einer Richtlinie an die Dauer einer Legislaturperiode
koppeln können. In fast jedem nationalen Parlament ist das so. Wenn ein
Gesetz bis zum Ende der Legislaturperiode nicht beraten ist, dann verschwindet
dieses Gesetz und wird nur wieder aufgerufen, wenn eine neue Regierung oder
ein neues Parlament dieses Gesetz wieder herausholt. In Europa ist das nicht
so. Das Parlament wird neu gewählt, die Kommission wird neu besetzt, die Richtlinie
überlebt. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer sagt da eigentlich was? Deshalb wäre mein Ziel, zu dem
zu kommen, von dem wir zu Hause ganz selbstverständlich überzeugt sind, dass
es richtig ist, nämlich zum Faktor der Diskontinuität, also dass mit einer
Wahl zum Europäischen Parlament die Richtlinien, die nicht zu Ende beraten
sind, einfach verschwinden und man darauf wartet, ob es bei neuen Mehrheiten
jemanden gibt, der sie wieder aufrufen will. Wir werden miteinander sehr
viel darüber sprechen müssen - darüber gibt es ganz unterschiedliche
Vorstellungen in den einzelnen Mitgliedstaaten -, wie wir dieses Europa so
organisieren, damit es nicht einer Gefahr anheim fällt, nämlich der organisierten
Verantwortungslosigkeit. Wir haben in früheren Tagen viel darüber diskutiert:
Was ist für die Menschen das Schlimmste? Ich finde, das Schlimmste ist, wenn
sie für etwas, das ihnen missfällt, niemanden finden, der es eingeführt hat -
das ist organisierte Verantwortungslosigkeit. Den Bürgerinnen und Bürgern
stört zum Teil an Europa, dass sie keinen finden, der für etwas verantwortlich
ist. Das kommt inzwischen selbst in den einzelnen Mitgliedstaaten vor, dass
sie keinen mehr finden. In Deutschland, in der föderalen Ordnung, war es zum
Schluss immer der Vermittlungsausschuss, aus dem man nicht berichten darf. Dorthin
kann man alles schieben, worüber man nicht reden möchte. Aber ich glaube, ein
höchstes Maß an Transparenz, also dass sich Menschen verantwortlich für das
erklären, was sie politisch mitentschieden haben, muss unser Ziel sein, damit
dieses Europa für die Menschen fassbar wird. Wir müssen uns auch
wirtschaftlich weiterentwickeln, wir müssen innovativ und kreativ sein. Es
muss klar sein, dass Europa 3 % seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung
und Entwicklung ausgibt. Wir sind ein Kontinent, der im Durchschnitt eher altert,
als dass er sich verjüngt. Wenn wir nicht auf Innovation und auf Kreativität setzen,
dann sind wir gegenüber anderen in einem unglaublichen Nachteil. Es kommt auch darauf an, dass
wir dieses Europa demokratisch organisieren und nicht als Abschottung
gegenüber anderen in der Welt benutzen, sondern uns zur Offenheit bekennen.
Es ist heute unmöglich, über Freiheit zu sprechen und gleichzeitig
protektionistisch bei den Welthandelsverhandlungen aufzutreten.. Sonst glaubt
uns kein Mensch etwas. Ich glaube, in dieser Welt, in der so viele Länder danach
streben, ähnlich wie wir zu leben, zumindest unseren Wohlstand zu haben, werden
wir sehr argwöhnisch beäugt, ob die Werte, die wir uns auf die Fahne geschrieben
haben, auch unser tägliches Handeln bestimmen. Deshalb muss dieses Europa für
mich ein offenes Europa sein - ein Europa, das auch Kompromisse eingeht, z.
B. im Welthandel, die uns alle und nicht nur Europa selbst weiterführen; ein Europa, das über den
eigenen Tellerrand schauen kann und das seine Chancen in einem freiheitlichen
Zugang zur Welt und nicht in der Abschottung sieht. Deshalb, meine Damen und
Herren, bedanke ich mich ganz herzlich dafür, dass ich heute diesen Preis
bekommen habe. Wenn ich mich richtig erinnere, ist es mein allererster Preis
seit dem Fall der Mauer. Dass gerade Luxemburg das Land ist, aus dem dieser
Preis kommt, rührt mich sehr. Ich habe immer wieder
festgestellt, dass die Menschen in Deutschland, weil es ein größeres Land
ist, zum Teil selbst innerhalb des Landes ganz wenig voneinander wissen. Für
diejenigen, die im Saarland, in Rheinland-Pfalz oder in Baden- Württemberg leben, sind
Luxemburg, Belgien und Frankreich langjährige Nachbarn. Wenn Sie wie ich aus
der Uckermark oder aus Vorpommern kommen, dann sind Ihnen Polen, die
Tschechische Republik und vielleicht noch die baltischen Länder sehr
vertraut. Dass gerade aus dieser
Nachbarschaft Deutschlands, über die ich sicherlich am meisten lernen muss
und über die ich schon vieles gelernt habe - aber natürlich kann ich die
kulturelle Erfahrung einer gemeinsam verbrachten Kindheit, einer gemeinsamen
Kultur und Geschichte nie wieder so nachholen -, dieser Preis kommt, dafür
sage ich ein ganz herzliches Dankeschön. All denen, die dafür gesorgt
haben und all denen, die hier zugehört haben, sage ich: Lassen Sie uns weiter
gute Nachbarn sein. Ich habe keinen Zweifel daran: Gemeinsam werden wir auch
Europa nach vorn bringen. Herzlichen Dank.
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